Architekturikone: die Wallfahrtskapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp

Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, Blick von Südosten (Foto: Wladyslaw)

Wahrscheinlich hat es hässliche Kirchen gegeben, seitdem Kirchen gebaut werden. Trotzdem sind die Bauten des 20. Jahrhunderts besonders ungeliebt, was vermutlich an der zeitlichen Nähe zur Gegenwart, der Vorstellung, das alt gleich wertvoll bedeutet, oder aber einfach an der tatsächlichen Scheußlichkeit vieler Kirchenbauten der letzten 100 Jahre liegt. Mehr als nur eine Ausnahme für alle diese Annahmen schmückt den 470 Meter hohen Berg Bourlémont in der Nähe des französischen Ortes Belfort. Hier im Départments Haute-Saôme steht eine wahre Architekturikone nicht nur des Kirchenbaus, sondern der gesamten Architekturgeschichte. Schon die französische Bezeichnung Chapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamps (Unsere Liebe Frau von der Höhe in Ronchamps) spricht von Schönheit, auch wenn sie etwas in die Irre führt. Die Kapelle wurde erst im Jahre 1955 der Mutter Gottes geweiht und ist ein Werk des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier.

Le Corbusier (1887-1965), der eigentlich Charles-Edouard Jeanneret-Gris hieß, sich aber nach seinem Großvater nannte, war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er schuf mitten in der französischen Provinz eine Kirche, die Vorbild für viele Kirchenbauten bis heute überall in der Welt werden sollte.

Der Ort, an dem Le Corbusier seine Pläne verwirklichte, war jedoch schon zur Zeit der Kelten, also weit vor Christi Geburt, eine Pilgerstädte. Im Mittelalter folgten der heidnischen Gebetsstätte christliche Kapellen, die der Nativit´de la Vierge, der Geburt der Jungfrau (Mariä Geburt), gewidmet waren. Seit dem 18. Jahrhundert begann sich der Name Notre-Dame-du-Haut durchzusetzen. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde nämlich auch eine Kirche im Dorfzentrum von Ronchamps errichtet, die den Namen Notre-Dame-du-Bas trug. Die Höhenbezeichnungen der Gotteshäuser dienten also vor allem zur Unterscheidung.

Die Kapelle auf dem Berg diente jedoch nie als Pfarrkirche, sondern als Wallfahrtskapelle. 1789, während der Säkularisationsbestrebungen nach der französischen Revolution, wurde die Kappel an einen Händler verkauft, konnte aber schon ein Jahr später mit dem gespendeten Geld von zwanzig Familien aus Ronchamp zurückgekauft werden.

Im 19. Jahrhundert gewann die Wallfahrt neuen Aufschwung. 1857 erweiterte man die kleine Kapelle auf dem Berg um einen oktogonalen Vorbau, der acht bekrönte Türme hatte. Ronchamp sollte als Wallfahrtsort die gleiche Bedeutung wir Lourdes erreichen. Allerdings konnte dieses Ziel nie erreicht werden. Es ging sogar das Geld aus für weitere Baumaßnahmen.

Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, emailliertes Hauptportal (Foto: Wladyslaw)

Zu allem Überfluss brannte die Kapelle 1913 nach einem Blitzschlag aus. 1923 bis 1926 fand man Geld, um eine Kirche mit gotischen Stilelementen zu errichten. Im September 1944 wurde der Bau zerstört, als der schwer umkämpfte Berg unter Artilleriebeschuss geriet. Im heutigen Kirchenbau wurden einige der Steine der so vernichteten Kirche wiederverwandt.

In den 50er Jahren beschloss das Erzbistum Besançon, zu dem Ronchamp gehört, den Wiederaufbau der Kapelle. Über zwei Domherren nahm man Kontakt zum berühmten Le Corbusier auf. Dem Architekt erschien die Aufgabe jedoch zunächst unzeitgemäß. Er sah es nicht ein, für eine „tote Institution“ arbeiten zu sollen. Erst nach langer Überzeugungsarbeit, unter anderem durch einen späteren Freund Maurice Jardot, nahm Le Corbusier den Auftrag an.

Nach einem Vor-Ort-Besuch entstanden erste Zeichnungen, die im Juni 1950 zu einem ersten Modell führten. Die Gedanken Le Corbusiers im Entstehungsprozess der Kapelle sind sehr gut dokumentiert. So war dem Architekt die Lage seines Bauplatzes auf einem Berg sehr wichtig. 1951 hatte sich Le Corbusier auch schon für Beton als Grundbaustoff und ein einheitliches Team entschieden. Nach fünf Jahren Konzeption konnte im September 1953 die Ruine des Vorgängerbaus abgerissen werden. Schon zwei Jahre später, am 2. Mai 1955, fand die Weihe statt. Die erste große Wallfahrt zur Kapelle sah im Oktober 1962 anlässlich des Zweiten Vatikanischen Konzils 250.000 Pilge. Bereits 1974 war das komplette Darlehn, welches die Bauherren zur Finanzierung der Kirche aufnehmen mussten, zurückgezahlt.

Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, Freiluftaltar im Osten (Foto: Wladyslaw)

Die Wallfahrtskirche in Ronchamp erhebt sich über einem 30 mal 40 Meter umfassenden, asymmetrischen Grundriss. Der Bau kombiniert eine Außen- mit einer Innenkirche. Der Innenraum, der zusätzlich noch in mehrere Nebenkapellen enthält, fasst 200 Menschen. An der Ostseite können am Freiluftaltar bis zu 1.200 Besucher an einer Messe teilnehmen.

Die Grundmauern der Kapelle bestehen aus weißem Sichtbeton mit rauer Oberfläche. Die Wandstärke variiert zwischen 90 Zentimetern und 2,72 Metern.

In Nord-Süd-Richtung verlaufen die Mauern konkav beziehungsweise konvex. Am Nordende scheinen sich die Mauern zwischen zwei 20 Meter hohen Türmen ineinander zu rollen. In der Nische zwischen den beiden Türmen befindet sich der „Werktagseingang“.

An der konkaven Ostwand steht der Freiluftaltar in eine eigenen Chorraum mit Sängerempore und Kanzel. Der Altar ist ein schlichter Betontisch.

Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, Nordseite mit Doppeltürmen und Werktagseingang (Foto: Wladyslaw)

In die Südwand der Kapelle befinden sind 27 schachtartige Fenster, die unterschiedliche Größen und Formen haben. Die Fenster sind teilweise mit farbigem Glas versehen, die in wenigen Farben, einfach Ornamente tragen. Auf manchen Gläsern finden sich in klarer Schreibschrift Sätze aus Mariengebeten, vor allem dem Ave Maria.

Der Haupteingang zur Kapelle befindet sich an der Südseite. Dort ist eine drei mal drei Meter große emaillierte, gusseiserne Pforte eingebaut, die nur an Pilgertagen geöffnet wird. Die Motive auf der Tür zeigen bunte Bäume, Wolken, Sterne, Wege und Hände nach Entwürfen des Architekten. Die von Le Corbusier auch selbst ausgeführten Emaillearbeiten sollen die „Schönheit des Sichtbetons zum vibrieren“ bringen. Die 33 Zentimeter dicke Pforte wiegt 2,3 Tonnen.

Links des Haupteingangs erhebt sich der Hauptturm der Kapelle. Das 27 Meter hohe Bauwerk dient auch als Lichtfang für eine im Innern befindliche Kapelle. Über konkave weiße Wände wird das Licht sanft auf den Altar des Raums geleitet. Auch die beiden anderen Altäre der Kapelle werden so beleuchtet. Der Hauptturm wird von einem Blitzableiter und daneben einem schlichten, dünnen Metallkreuz gekrönt.

Die Westwand der Kapelle ist fensterlos. Die Wände in Nord-Süd-Richtung drehen sich auch in der Südostecke ineinander und schaffen dort Raum für einen Nebenkapelle, genauso wie schon im Nordwesten.

Ein besonderes Merkmal an der Dachkante der Westseite ist Wasserspeier der die abstrakten Formen von Pferdenüstern zeigt. Das Wasser wird über den Speier auf eine Brunnenskulptur gelenkt.

Südlich der Kapelle befindet sich, gleichfalls von Le Corbusier entworfen, noch ein Gebäude für den Kaplan und als Herberge für Pilger.

Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, Wasserspeier (Foto: Wladyslaw)

Der Glockenturm der Kapelle steht neben dem Kirchenbau und besteht aus einem einfachen Stahlglockenstuhl. Zwei der Glocken stammen noch aus dem kriegszerstörten Bau, eine neuere Glocke zeigt als Relief eine Hand und wurde von Le Corbusier seiner Mutter und seiner Ehefrau gewidmet.

Schon von weitem ist die besondere Dachkonstruktion der Wallfahrtskapelle sichtbar. Sie scheint wie ein riesiger Hut über dem Bau zu stehen und besteht aus zwei Betonschalen, die dem Panzer eines Krebses nachempfunden sind. Das Dach im Osten über die Grundmauern hinaus und bietet so dem Außenaltar Schutz.

Im Innern ähnelt das Dach eher einen durchhängenden Tuch, wirkt als nicht schwer, sondern leicht. Im Osten über dem Außenaltar und im Süden ruht die Dachkonstruktion nicht auf den Mauern, sondern auf Stahlbetonpfeilern. Beide Wände haben also keine dachtragenden Funktion.

Die teilweise sehr dicken Wände sind nicht massiv, sondern aus Stahlbetonelementen zusammengesetzt, deren Hohlräume zum Teil mit Abrissschutt des Vorgängerbaus aufgefüllt wurden. So wird zumindest der Eindruck eines einheitlichen Materials erreicht.

Der Innenraum der Kapelle ist schlicht und wie das Äußere durch den weißen Sichtbeton bestimmt. Der Altarraum befindet sich auf eine niedrigen Podest und ist nach Osten gerichtet. Im Altarraum steht ein würfelförmiges Tabernakel auf drei Füßen und ein 2,16 hohes Kreuz aus Ulmenholz.

Die Kanzel ist unscheinbar und ohne Deckel in die Nordwand eingelassen. In den niedrigeren Türmen befinden sich je eine Kapelle. Die Beichtstühle im hinteren Teil der Kapelle sind teilweise in die Wände eingelassen.

80.000 Besucher bewältigen jedes Jahr den kurzen Aufstieg zur Kapelle über Ronchamp. Die wichtigsten Pilgerfeste sind Mariä Geburt (8. September) und Mariä Himmelfahrt (15. August).

Obwohl Le Corbusier vor allem als Architekt des Funktionalismus bekannt war, ist die Wallfahrtskapelle Notre-Dame-du-Haute eher dem „Plastischen Stil“ zuzuordnen. Anhänger wie Kritiker warfen dem Architekten vor, er hätte seine eigenen Prinzipien gleich mehrfach verraten, da er sich selbst auch als Atheisten bezeichnete. Ein Hauptvorwurf war, die Kirche sei zu „romantisch“.

Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, neogotischer Vorgängerbau, 1923

Heute wird die Kirche Le Corbusiers freundlicher betrachtet. Nicht selten bezeichnet man die Kirche auch als den Moment oder als das Werk, an dem die Kirche und die moderne Kunst miteinander versöhnt wurden.

Bildnachweis: 12345 – 6

In der Kirche Notre-Dame-du-Haut ist das Fotografieren leider untersagt. Innenraumfotos finden sich aber zum Beispiel hier und hier.

Eine Antwort auf Architekturikone: die Wallfahrtskapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp

  1. Krauthausler sagt:

    Schade dass kein Foto vom Innenraum mit dem Altar vorhanden ist.

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