Ein klassischer Würfel: St. Nikolai in Potsdam

14. Januar 2009

St. Nikolai in Potsam, Ansicht von Süden (Foto: Andreas Fränzel)

Die Stadt Potsdam vor den Toren Berlins ist eigentlich eher für seine Schlösser, Parkanlagen oder seine fernsehprominenten Bewohner bekannt. Mit der Garnisonskirche besaß die Stadt zwar eine bekannte Kirche, deren kriegszerstörte Ruine jedoch 1968 abgerissen wurde. Weithin weniger bekannt ist, dass Potsdam auch heute noch über eine kunsthistorische bedeutsame Kirche verfügt und zwar die nach Plänen Karl Friedrich Schinkels im Wesentlichen zwischen 1830 und 1837 errichtete Nikolaikirche am Alten Markt.

Doch auch die Nikolaikirche steht einer Stelle, die schon vorher Kirchenbauten gesehen hatte. Über die erste Kirche, die im 13. Jahrhundert entstand, ist wenig bekannt. Sie wurde aber 1375 im Landbuch Kaiser Karl IV. erwähnt. Es handelte sich um eine romanische Basilika mit quergelegtem Westwerk.

Im 14. Jahrhundert wurde die romanische Kirche durch eine dreischiffige Hallenkirche im Stil der Gotik ersetzt. Bis 1539 in Brandenburg die Reformation eingeführt wurde, war St. Nikolai eine Filiale der Propstei in Spandau. Nach der Reformation wurde die gotische Kirche in einen protestantischen Predigtsaal umgestaltet. Wie so oft geschah das durch den Einbau von Emporen. 1563 wurde eine Renaissance-Kanzel hinzugefügt.

St. Nikolai in Potsam, Ansicht von 1771 mit spätbarocker Schaufassade

Im Jahre 1602 änderte Kurfürst Joachim Friedrich zum Angedenken an seine verstorbene Frau den Namen der Kirche in Katharinenkirche. Eingeleitet durch den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und beschleunigt durch die Königskrönung des Kurfürsten Friedrich III. zum König Friedrich I. baute man Potsdam neben Berlin zur zweiten Residenz aus.

Schnell wurde die Katharinenkirche zu klein und durch einen barocken Neubau ersetzt. Von 1721 bis 24 entstand über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes ein Zentralbau, der an seiner Nordseite auch über einen 85 Meter hohen Turm verfügte. Im Innern befanden sich in einem gewölbten Saal zweigeschossige Emporen. Die neue Kirche wurde auf Wunsch des Nachfolgers Friedrichs, dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., wieder in Nikolaikirche umbenannt.

Während Friedrich Wilhelm I. wenig von Repräsentation hielt, war sein Sohn und Nachfolger, Friedrich II. der Große, mehr auf Pomp bedacht. Schon Wohnhäusern ließ der Monarch Schaufassaden im Stil des Rokoko vorblenden. Von 1752 bis 55 enthielt auch die Nikolaikirche nach Plänen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753) zur Marktseite hin eine vorgeblendete Fassade. Dabei handelte es sich um eine verkleinerte Kopie der Fassade von Santa Maria Maggiore in Rom im Stile des römischen Spätbarock.

St. Nikolai in Potsdam, Zustand von 1838

Durch eine Unfall mit Lötfeuer brannte die Kirche jedoch am 3. September 1795 vollständig nieder und wurde 1796 abgerissen. Lediglich die Schaufassade blieb bis 1811 stehen. Die Gottesdienste fanden in der nahen Heiliggeistkirche statt.

Friedrich Wilhelm II., König seit 1786, gab 1796 den Befehl zu einem Neubau. Entwürfe wurden dazu vorgelegt von Michael Philipp Baumann (1747-1803), dessen Pläne die barocke Schaufassade miteinbezogen, aber auch vom sehr jung verstorbenen Friedrich Gilly (1772-1800), dem Freund und Lehrer Schinkels. Gilly entwarf im Stil der französischen „Revolutionsarchitektur“, einem Seitenzweig des Klassizismus, eine Kirche in einfacher, kubischer Form, also in Form eines Würfels.

1797 verstarb Friedrich Wilhelm I., 1800 – wie schon erwähnt – Friedrich Gilly und 1803 schließlich auch Baumann. Daraufhin gerieten die Neubaupläne zunächst in Vergessenheit. Zudem befand sich Preußen schon bald unter französischer Besatzung und brauchte im weiteren Verlauf alles verfügbare Geld für die Befreiungskriege.

Ab 1820 konnte sich Preußen dann wirtschaftlich wieder stabilisieren. Friedrich Wilhelm II. beschloss schließlich den Neubau der Potsdamer Stadtkirche St. Nikolai. Der Auftrag wurde Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) erteilt. Jener folgte in seinen Entwürfen den Ideen Gillys und entwarf einen Zentralbau mit einer Kuppel über einen griechischen Kreuz. Weitere Vorbilder waren das Pariser Pantheon (gebaut bis 1794 von Jacques-Germain Soufflot), sowie die Kirche St. Paul (1826-28) in Wien.

St. Nikolai in Potsam, Altarziborium und Apsismalerei (Foto: Suse)

Der Thronfolger Prinz Friedrich Wilhelm war Anhänger der Kuppelidee. Von ihm sind ähnliche Skizzen überliefert. Friedrich Wilhelm II. jedoch bestand auf die Ausführung eine turmlosen Basilika mit flachem Satteldach und einem Portikus zur Marktseite. 1830 war Baubeginn. Die Leitung des Baus hatte Ludwig Persius  (1803-45). Einweihung der neuen Kirche war 1837. Vier Jahre später (1841) starb Schinkel. Seit 1840 war der ursprüngliche Kronprinz nun als Friedrich Wilhelm IV. König. 1843 erteilte er die Kabinettsorder, der Entwurf Schinkels solle nun umgesetzt werden. Die Bauleitung wurde wieder Perius übertragen, der sich seit 1842 mit dem Titel „Architekt des Königs“ schmücken durfte.

Ludwig Persius veränderte zunächst die Pläne Schinkels. Letzterer hatte zwar den Schub der Kuppel berechnet, aber Persius fügte den Ecken des kubischen Unterbaus noch turmartigen Anbauten zu, die den Bau stabilisieren sollten, falls die Kuppel es benötigte. Ansonsten kamen Schinkels Pläne zur Ausführung. Als größtes Problem erwartete Persius die Akustik des Innenraums, welche schon Schinkel fürchtete.

1845 starb Persius nach einer Reise an Typhus. Die Bauleitung wurde daraufhin Friedrich August Stüler (1800-65) übertragen. 1850 konnte der Neubau eingeweiht werden.  Die Akustik erwies sich dabei als dramatisch schlecht. Vorhänge, Fußmatten, ab 1882 ein Hanfnetz, wenig half. Erst die Verlängerung des Kanzeldaches, des Schalldeckels, milderte das Problem ein wenig.

Bei der Nikolaikirche handelt es sich um einen Zentralbau im klassizistischen Stil. Die Apis des Baus weist nach Norden. Die Kirche hat einen geziegelten, verputzen Sockelbau über einem quadratischen Grundriss mit einer Kantenlänge von 30 Metern. Bis zum Hauptgesims ist der Sockel 27 Meter hoch, bildet also tatsächlich beinahe einen perfekten Würfel. In den vier Türmen an den Ecken befinden sich Glocken in kleinen Glockentürmchen, auf deren Dächern Engelsfiguren stehen. Im Süden ist der Kirche ein Säulenportikus vorgebaut – eine offene Vorhalle, der eine Treppe vorgelagert ist. Sechs kannelierte korinthische Säulen stützen ein dreieckiges Tympanon unter einem Satteldach. Bis 1945 befand sich dort ein Relief mit einer Szene aus der Bergpredigt.

Über dem Sockelbau erhebt sich auf einem leicht zurückgesetzten Tambour mit Säulen die Kuppel. Der Tambour hat eine Höhe von 28 Metern. Hinter den korinthischen Säulen sind sich Fenster, durch die die Kirche hauptsächlich belichtet wird, da sich im Sockelbau kaum Fenster befinden.

St. Nikolai in Potsam, Kanzel (Foto: Suse)

Die Kuppel selbst hat einen Durchmesser von 24 Metern und ist 13 Meter hoch. Gegliedert wird durch Kuppel durch eine Segmentierung und je ein kleines Rundfenster pro Segment. Über der Kuppel erhebt sich noch eine 14,5 Meter hohe Laterne. Insgesamt ist der Bau also 77 Meter hoch.

Der Sockelbau der Nikolaikirche ist von außen zwar quadratisch, von im Inneren aber über einem griechischen Kreuz konzipiert. Die Scheitelhöhe der Kuppel beträgt innen 52 Meter. In den Dreiecken, die sich am Übergang zwischen Sockelbau und Tambour bilden, sind die vier alttestamentarischen Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel zu sehen. Der Maler war Peter von Cornelius. In den vierzehn Nischen des Tambours befinden sich Skulpturen weiterer Figuren aus der Zeit vor Christi Geburt. Die Figuren Noah, Moses, David, Salomo und Johannes der Täufer wurden 1945 teils schwer beschädigt. Alle Figuren stammen ursprünglich aus den Werkstätten Christian Daniel Rauchs (1777-1854) und Johann Gottfried Schadows (1764-1850).

Die Apsis der Kirche ist im Halbrund farblos. Hier befand sich früher der thronenden Christus mit begleitenden Engeln (B.W. Rosendahl, Entwurf K. F. Schinkel). Heute noch zu sehen sind unterhalb der ehemaligen Hauptszene die vier Evangelisten sowie die zwölf Apostel.

St. Nikolai in Potsam, ursprünglicher Entwurf für die Apsis von K.F.Schinkel von 1834

Der Altar sollte nach den ursprünglichen Plänen Schinkels nur ein schlichter Tisch aus dunklem Marmor sein. Friedrich Wilhelm IV. ließ F.A. Stüler jedoch 1850 ein Dach (Zimborium) anfertigen, welches aus vier weißen Marmorsäulen besteht, die teilweise vergoldet sind und über korinthischen Kapitellen einen Baldachin mit vergoldeten Engelsköpfen tragen.

Im Chorraum befindet sich auch die Kanzel Schinkels, die Reliefbilder aus Zinkguss trägt. Gezeigt werden Motive aus der Bergpredigt. Der lange Schalldeckel, der sich über der Kanzel befindet, stammt nicht von Schinkel.

Die heute in der Kirche befindliche Orgel wurde 2005 aus der abgerissenen Trinitatiskirche in Essen nach Potsdam gebracht. Sie verfügt über 1.600 Pfeifen.

Die Nikolaikirche überstand den Zweiten Weltkrieg bis 1945. Von den Bombenangriffen kaum beschädigt, brachte in den letzten Apriltagen Artilleriebeschuss die Kuppel doch noch zum Einsturz. Dabei wurde auch die Orgelempore mit der darauf befindlichen Sauerorgel zerstört. Altar und Kanzel hingegen blieben unbeschädigt.

1948 beschloss der Gemeindekirchenrat den Wiederaufbau der Kuppel und die Restaurierung der Außenfassade. 1955 begann man mit einer Stahlkonstruktion für die Außenkuppel, der bis 1958 eine Holzverschalung und abschließend eine kupferne Außenhaut aufgesetzt wurde. 1962 fand die Kuppelrekonstruktion ihren Abschluss, als Kugel und Kreuz, aufgesetzt wurden.

Von 1986 bis 77 folgte die zweite Phase des Wiederaufbaus. Die zerstörte Außenfassade sowie der Säulenportikus zum Markt wurden wiederhergestellt. Ab 1975 nahm man sich auch des Innenraums an, wobei einige bauliche Neuerungen eingeführt wurden, die vor allem zu Gemeinderäumen unterhalb der Emporen führten. Am 2. Mail 1981 folgte die feierliche Weihe.  Doch immer noch wird an St. Nikolai gebaut. 2008 sollte die Sanierung der Außenhülle abgeschlossen sein.

St. Nikolai

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