In unseren Zeiten hatte Sizilien nicht immer den besten Ruf, auch wenn bezüglich der ehrenwerten Gesellschaft Kampagnien, die Region um Neapel, und Kalabrien der größten italienischen Insel längst den Rang abgelaufen haben. Süditalien und auch Sizilien waren in früheren Jahrhunderten aber nicht der “arme Süden”, sondern Zentren von Kultur und Gelehrsamkeit. Nacheinander forschten und lehrten, schufen und bauten Griechen, Römer, Araber, Normannen und Staufer großartige Werke der Kunst und Architektur. Ein Zeugnis dieser Zeit ist auch die Kathedrale von Palermo.
Palermo selbst wurde im achten Jahrhundert vor Christus von den Phöniziern gegründet. Seine größte Blüte erlebte die Stadt jedoch erst, nachdem Sizilien von den Arabern erobert worden war. 831 nach Christus wurde Palermo so Hauptstadt des Emire von Sizilien. Zu der Zeit sollen die Stadt weit über 100.000 Einwohner bevölkert haben, womit Palermo nach Byzanz und Córdoba die drittgrößte Stadt Europas gewesen wäre. Heute ist Palermo mit rund 660.000 Einwohnern immerhin noch die fünftgrößte Stadt Italiens.
Mittelpunkt der Hauptstadt der Region Sizilien ist – neben dem Normannenpalast – noch heute die Kathedrale Maria Santissima Assunta (Heiligste in den Himmel aufgenommene Maria). Die Kirche wurde zwar schon im 6. Jahrhundert von Papst Gregor dem Großen begründet. Als jedoch 831 die Araber die Stadt übernommen hatten, verwandelten sie die Kirche in eine Moschee nebst Madrasa (Hochschule), Bibliotheken und Bädern. Nach der Eroberung Siziliens und Palermos (1072) durch die Normannen unter Roger I. (1031-1101) wurde die Moschee wieder zur Kirche und Sitz eines Erzbischofs.
1169 beschädigte ein Erdbeben die Kirche. Daraufhin entschloss sich Erzbischof Walter Gualterius, dem man ursprünglich und wohl fälschlich, eine englische Abstammung andichtete, zum Abriss der angeschlagenen Kirche und zum vollständigen Neubau. Allerdings wurden damals auch alle Nebengebäude der Moschee abgerissen.
1184 bis 1185 entstand die neue Kirche im normannisch-arabischen Stil. Die Wehrkirche war eine Basilika über einem rechteckigen Grundriss. Ein Mittelschiff wurde von einem Querschiff und auf jeder Seite von zwei niedrigen Seitenschiffen begleitet. Dieser Bau besteht im Kern auch noch in der Gegenwart, wurde aber später tief greifend ergänzt und umgebaut. Erhalten geblieben sind jedoch die vier Türme, die Erzbischof Walter an jeder Ecke des Gebäudes stellen ließ, sowie der seitlich des Westportals stehende Turm, der durch einen Bogen mit der Kirche verbunden ist und auch eine Verbindung zum nebenstehenden Normannenpalast hat.
Die drei Schiffe der normannischen Kathedrale werden im Osten durch drei Apsiden abgeschlossen, an denen man den arabischen Einfluss auf die Architektur der Normannen besonders schön ablesen kann. Die Apsiden zeigen nicht nur Blendarkaden, die das schöne Motiv des Kreuzbogens aufnehmen, sondern auch typisch arabische Steinintarsien. Ähnlich wie in Palermo baute man übrigens auch die beinahe zeitgleich entstandene Kathedrale von Monreale. Allerdings ist der normanno-arabische Stil in Palermo etwas strenger umgesetzt worden.
Im 14. und 15. Jahrhundert wurde die Kathedrale mehrfach verändert. So bekamen die vier Ecktürme gotische Aufsätze, die sie nun über das Mittelschiff hinausragen ließen. Vor allem aber verlegte man den Haupteingang der Kirche vom Westen auf die Längsseite nach Süden. Dort wurde 1426 von Antonio Gambara ein gotisches Portal eingebaut. Vor dem Portal errichtete man 1465 einen Portikus, der im Giebelfeld eine Darstellung des thronenden Christus, begleitet von Maria und dem Erzengel Gabriel, zeigt. Der Portikus wurde im Stil der katalanischen Spätgotik errichtet und wird von zwei Türmchen begleitet. Das Portal selbst wird durch eine Holztür verschlossen, die 1432 von Francesco Miranda geschaffen wurde. Vor dem neuen Hauptportal der Kirche entstand schließlich ein großer Vorplatz.
Bis 1781 blieb die Kathedrale von Palermo mehr oder weniger unverändert. Dann allerdings bekam Ferdinando Fuga (1600-1782) den Auftrag, die Kathedrale grundlegend dem Geschmack der Zeit anzupassen, was erst 1801 abgeschlossen werden konnte. Die im Äußeren einschneidenste Veränderung, war der Bau einer großen klassizistischen Kuppel über der Vierung. Außerdem wurden die Seitenschiffsdächer entfernt und durch Reihen kleinerer Kuppeln ersetzt, die – neben der Vierungskuppel – das ursprüngliche normannische Erscheinungsbild doch sehr verwischen.
Noch eingreifender war der Umbau in Inneren. Dort wurde das Mittelschiff von den Seitenschiffen ursprünglich durch auf gemeinsame Sockel zu Vierergruppen gestellte Säulen abgrenzt. Die Säulengruppen waren durch Spitzbögen verbunden. Säulen und Spitzbögen wurden gegen massive Pfleiler und Kreisbögen ausgetauscht. Insgesamt ist der Inneneindruck der Kathedrale heute „klassizistisch“: eine Pfeilerbasilika steht über dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes.
Weichen musste auch das Altarretabel, welches ursprünglich hinter dem Hauptaltar aufgestellt war. Das Altarretabel war ein Werk der Bildhauerfamilie Gagini und wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts geschaffen. 38 Heiligenfiguren prägten das Bild des Retabels. Ab 1950 wurden die Heiligenfiguren teilweise in die Kirche zurückgeholt. Sie stehen heute an den Pfeilern.
Auch andere wertvolle Statuen der vorklassizistischen Zeit haben den Umbau der Kirche überstanden. Zu finden sind unter anderem eine Madonna, die Francesco Laurana (1430-1502) im Jahre 1461 geschaffen hat, und die Madonna della Scala von 1503, ein Werk des Antonello Gagini (1478-1536).
Teil der Kirche ist auch die Kapelle der heiligen Rosalia. Die Kapelle birgt in einer Silberurne aus dem Jahre 1632 die Reliquien der Stadtpatronin von Palermo. In der Krypta der Kathedrale finden sich die Sarkophage der Erbischöfe. Teilweise handelt es sich dabei um wiederverwendete antike römische Sarkophage.
Ziel vieler Reisenden in der Kathedrale von Palermo sind jedoch die bedeutende Königsgräber, die sich heute in einer Seitenkapelle des rechten Seitenschiffs befinden, vor dem Umbau durch Fuga aber rechts und links der Hauptapsis standen.
In der vorderen Reihe stehen zwei Sarkophage aus Porphyr unter Baldachinen, die von jeweils sechs Porphysäulen getragen werden. Links steht der Sarkophag von Kaiser Friedrich II. (1194-1250), rechts der Sarkophag von Heinrich VI. (1165-1197). Letzterer war Vater des Ersteren.
Ursprünglich hatte der normannische König Roger II. (1095-1154) die Sarkophage für sich und seinen Nachfolger anfertigen lassen. Dazu waren sie im Querschiff der Kathedrale von Cefalù aufgestellt worden. Roger II. wurde jedoch schließlich in Palermo beigesetzt und seine beiden Nachfolger – Wilhelm I. und Wilhelm II. – in der Kathedrale von Monreale. Friedrich II. ließ beide Sarkophage nach Palermo bringen – einen für sich und einen für seinen Vater.
Der Sarkophag Friedrichs II. verrät noch seinen ursprünglichen Auftraggeber. Kunstvoll ist er mit dem Motiv des Doppellöwens versehen, dem beliebten Symbol Roger II., wie es sich auch im an die Kathedrale angrenzenden Normannenpalast findet. Im Sarkophag Friedrich II. wurden auch zwei spätere sizilianische Könige beigesetzt: Friedrich III. (gest. 1338) und Peter II. (gest. 1342).
In der zweiten Reihe der Grabeskapelle stehen zwei weitere Porphysarkophage. Hinter Friedrich II. befindet sich unter einem Baldachin, der von sechs mit Mosaiken geschmückten Säulen getragen wird, der Sarkophag Roger II. Hinter dem Sarkophag Heinrich VI. schließlich befindet sich der Sarkophag der Frau, die alle drei Könige und Kaiser verbindet: der Porphyrsarkophag der Königin Konstanze von Sizilien (1154-1198). Sie war die Tochter Roger II. (geboren erst nach dessen Tod), Ehefrau Heinrich VI. und Mutter Friedrich II.
An der rechten Wand der Kapelle befindet sich auch noch das Grab der ersten Ehefrau Friedrich II. In einem römischen Sarkophag aus dem 3. oder 4. Jahrhundert ruht Konstanze von Aragon (um 1179-1222). Ihr legte Friedrich II. eine wertvolle Krone ins Grab, die heute das Prunkstück der Schatzkammer bildet. Die Krone wurde nach dem Vorbild der Krone byzantinischer Kaiser gefertigt, der sogenannten Kamelaukion. Charakteristisch sind die seitlichen Gehänge, die Pendilien.
Nach dem Umbau durch Ferdinando Fuga Ende des 18. Jahrhunderts blieb die Kirche unverändert – zumindestens beinahe. Im 19. Jahrhundert erhielt schließlich noch der alte Wehrtum im Westen einen neugotischen Aufsatz. Das war dann wirklich der letzte große Umbau in der Geschichte der Kathedrale von Palermo.





