Ein Vergleich: Das Gleichnis von den Blinden
1. Oktober 2009Könne ein Blinder einem Blinden den Weg zeigen? Würden nicht vielmehr beide Blinden dann in den Graben fallen? Eine nicht selten in der christlichen Kunst dargestellte Frage Christi entspricht im Neuen Testament keine eigene Geschichte. Es handelt sich eigentlich nur um einem einzigen Satz, den die beiden Evangelisten, die ihn aufführen, auch noch in zwei völlig unterschiedliche Geschichten eingebaut haben.
Ursprünglich dürfte der Satz, der kein Gleichnis, sondern ein Vergleich ist, in der verschwundenen sogenannten Quelle Q gestanden haben, aus der Matthäus und Lukas vieles abgeschrieben haben. Dem Evangelisten Markus stand die Quelle Q noch nicht zu Verfügung, da sein Evangelium wahrscheinlich vorher entstand. Geschichten, die sich deshalb bei Matthäus und Lukas, nicht aber bei Markus finden, der gleichfalls Matthäus und Lukas als Vorlage diente, werden sehr oft auf die Quelle Q zurückgeführt.
Im Evangelium des Lukas taucht der Vergleich in der Feldrede auf, der bei Matthäus die Bergpredigt entspricht. Lukas reiht den Vergleich in andere Vergleiche ein, wie den bekannten vom Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge. Matthäus hingegen Jesus lässt den Vergleich auf die Pharisäer beziehen, die sich über die Rede Jesus zu Reinheit und Unreinheit aufregen.
In der christlichen Kunst ist der Vergleich von den Blinden auch deshalb so beliebt, weil er sich sofort erschließt. Blindheit und blinde Bettler waren früher auch sehr häufig. Nicht umsonst erfreut sich seit dem 3. Jahrhundert kaum eine Wunderheilung Christi einer solchen Beliebtheit in der Kunst wie die Heilung der Blinden.
Quelle: Matthäus 15,14; Lukas 6,39
