Obwohl heute noch ein Kreuz auf der Spitze des Turms steht, ist das Gebäude schon seit 1949 nicht mehr das, nachdem es aussieht. Vielmehr ist das berühmte, rosane Gemäuer nun mehr oder weniger vollständig, was es auch schon 100 Jahre vor der Entwidmung zumindest teilweise war: ein nationales Denkmal. Dabei war nicht einmal der Neubau der Paulskirche in Frankfurt am Main, der 1833 mit einem Festgottesdienst eingeweiht wurde, als Denkmal gedacht, sondern wirklich als Kirche. Genau wie der Vorgängerbau der Paulskirche, der schon seit dem 13. Jahrhundert an der selben Stelle gestanden hatte.
Im 13. Jahrhundert breitete sich auch in Deutschland der Franziskaner-Orden aus. Im Gegensatz zu ihren benediktinischen Brüdern, suchten die Franziskaner als Bettelorden nicht entlegende Gegenden für ihre Klöster, sondern die Zentren der aufstrebenden Bürgerstädte. So entstand auch vor 1270 in Frankfurt am Main ein solches Kloster der Franziskaner, deren Orden in Deutschland nach der Angewohnheit der Mönche auf Strümpfe zu verzichten, auch Barfüßer-Orden genannt wurde.
Die erste urkundliche Erwähnung des Barfüßerkloster stammt aus dem Jahre 1270, aber sicher war das Kloster ein paar Jahrzehnte älter. Die Barfüßer hatten zwar ein Kloster und eine Klosterkirche, die Pfarrrechte unterstanden aber weiterhin der Hauptkirche der Stadt Frankfurt, dem kaiserlichen Stift St. Bartholomäus. Trotzdem waren auch die Franziskaner in Frankfurt nicht ohne Bedeutung. Das Kloster diente oft Besuchern der Stadt, die zu den Kaiserwahlen oder zu Messen kamen, als Herberge.
Nicht nur in seiner Funktion als Hotel wurde das Barfüßerkloster sehr reich. Da der Reichtum den als Bettelorden gegründeten Franziskanern widersprach, führte 1469 eine Ordensreform dazu, dass das Kloster alle seine Reichtümer an den Rat der Stadt Frankfurt abgeben musste. Der Reichtum erstaunt umso mehr, als zu dieser Zeit nie mehr als zehn Mönche gleichzeitig im Kloster lebten.
Im 15. Jahrhundert konnte sich das Barfüßerkloster einige bauliche Erweiterungen leisten. 1478 wurde ein Kreuzgang angefügt, ab 1485 entstand im Innern ein Lettner und zwischen 1500 und 1510 konnte sogar ein neuer Chor errichtet werden.
Wenige Jahre später hielt die Reformation in Deutschland und auch in Frankfurt Einzug. Schon 1522 wurde die erste protestantische Predigt in Frankfurt gehalten und zwar von einem Barfüßer. Ab 1526 fanden regelmäßig evangelische Predigten in der Barfüßerkirche statt. 1529 übergaben die verbliebenen Brüder die Kirche freiwillig der Stadt. Ihr letztes Oberhaupt wurde sogar als dritter evangelischer Prediger von der Stadt Frankfurt angestellt.
Zunächst war die St. Bartholomäus die evangelische Hauptkirche, musste aber nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg und in Folge des Augsburger Interims von 1548 mit einigen anderen Kirchen an die Katholiken zurückgegeben werden. Ab 1548 wurde dann die Barfüßerkirche als zweitgrößte Kirche der Stadt evangelische Hauptkirche Frankfurts. Die nun nicht mehr für die Mönche benötigten Klostergebäude dienten bis zu ihrem Abriss 1833 als Sitz der städtischen Lateinschule. Nach der Reformation wurden 98 Prozent der Bevölkerung Frankfurts evangelisch. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden deshalb Emporen in die Barfüßerkirche eingebaut. Schon 1559 hatte die Kirche ihre erste Orgel bekommen. 1685 entstand ein größerer Dachreiter auf der typischen Bettelordenskirche, in den dann drei Glocken hineinpassten.
Durch neue Ausstattungsstücke im Innern verwandelte sich die Erscheinung der Kirche allmählich von einer gotischen zu einer barocken. 1671 erhielt die Kirche eine neue Kanzel, einen neuen Altar und sogar eine neue Orgel.
In der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts machte sich schließlich die Baufälligkeit des Gebäudes bemerkbar. Überall zeigten sich Risse. Nachdem auch Risse in den Gewölben auftauchten, wurde am 21. Februar 1782 der letzte Gottesdienst in der alten Barfüßerkirche abgehalten und die Kirche anschließend gesperrt. Von 1786 bis 87 erfolgte schließlich der Abriss.
1789 begann man mit den Neubau. Erste Pläne stammten von Johann Andreas Liebhardt (1713-88), die von Johann Georg Christian Hess (1756-1816) und Nicolas de Pigage (1723-96) überarbeitet wurden. Für den Kirchneubau wurde wie für fast alle bedeutenden Großbauten der rote Main-Sandstein verwandt.
1792 war die neue Kirche bis auf das Dach, das Treppenhaus und den Turm fertig. Dann begann der 1. Koalitionskrieg, indem die Mächte Europas die revolutionäre Gefahr einzudämmen versuchten, die von Frankreich und Napoleon ausgingen. Durch den Krieg kam es zu ersten Bauverzögerungen, weswegen das Dach erst 1796 fertiggestellt und die Fenster sogar erst 1802 eingebaut werden konnten. Der Turm und das Treppenhaus blieben unvollendet
Bis 1810 gab es dann kein Geld mehr für den Weiterbau. Die Stadt versuchte durch Vermietung der unfertigen Kirche als Lagerraum Gelder für die Kirche zu gewinnen, doch die Erlöse mussten als Teil der Kontributionen an die französischen Besetzer abgeführt werden.
1816 wurde schließlich Johann Friedrich Christian Hess (1785-1845) als Nachfolger seines Vaters als Architekt der Kirche verpflichtet. 1821 sollte der Bau fortgesetzt werden, doch es kam zu weiteren Verzögerungen, da Hess noch mit dem Großbau der städtischen Bibliothek beschäftigt war. Erst 1830 fanden sich wieder Arbeiter an der Baustelle ein, nachdem die Stadt ordentliche Finanzzusagen gegeben hatte. Nach 30jähriger Pause konnte der Neubau also fortgesetzt werden, auch wenn die Kirche in den drei Jahrzehnten Unterbrechungen ziemlich verwahrlost war. Bäume wuchsen aus dem Turm und vielen zerbrochenen Fensteröffnungen.
1833 kam man dann zur Überzeugung, dass der Name „Barfüßerkirche“ für das neue Gotteshaus der Protestanten eher unpassend sein würde. Man entschloss sich, die Kirche „Paulskirche“ zu nennen, im Angedenken an den bedeutenden Schreiber der Briefe im Neuen Testament. Am 9. Juni 1833 konnte die junge Paulskirche endlich festlich eingeweiht wären.
Doch die Freude über das neue Gotteshaus währte nur kurz. Nach der Märzrevolution 1848 wurde die Gemeinde angefragt, ob sie ihr großes Gebäude nicht der Nationalversammlung zur Verfügung stellen könnte. Die Anfrage erreichte die Gemeinde am 18. März. Die vielleicht etwas übereilte Zusage erfolgte schon am 21. März 1848.
In aller Schnelle wurde daraufhin die Kirche umgestaltet. Eine Fahne in Schwarz-Rot-Gold fand ihren Platz. Die Kanzel wurde mit Tuch verhüllt und vor die Orgel hängte man einen Vorhang, auf den die Germania als Sinnbild der deutschen Einheit gemalt war. Am 18. Mai 1848 trat erstmals in der Paulskirche die Nationalversammlung zusammen, die erste mehr oder weniger frei gewählte Volksversammlung Deutschlands.
Vom 16. November 1848 bis zum 9. Januar 1849 musste die Nationalversammlung jedoch schon wieder ausweichen, da in die Paulskirche eine der frühesten Zentralheizungen Deutschlands eingebaut wurde und gleichzeitig auch noch eine moderne Gasbeleuchtung.
Am 30. März 1849 wählte die Nationalversammlung König Friedrich-Wilhelm IV. Von Preußen (1796-1861) zum deutschen Kaiser. Dieser lehnte bekanntlich ab, woraufhin Preußen begann, die Arbeit der Nationalversammlung schwer zu behindern. Im Mai 1849 wurde deshalb der Sitz der Versammlung nach Frankfurt gelegt, weit weg von Preußen. Damit endet die Geschichte der Nationalversammlung in der Paulskirche.
Für die Kirchengemeinde der Paulskirche waren die Jahre von 1848-52 Jahre des Exils. Wie auch schon während der langen Bauzeit kam die Gemeinde in der Alten Nikolaikirche am Markt unter. Ab 1852 konnte die Gemeinde jedoch ihre Kirche nutzen und so wurden 1892/93 erste Renovierungen notwendig. Gleichzeitig wurden Malereien der Propheten und von Engel sowie vier Statuen der vier Evangelisten hinzugefügt.
Zwischen 1866 und 1899 blieb Frankfurt kirchenrechtlich ein eigener Verwaltungsbereich, ein Recht welches aus der Zeit nach der Reformation stammte. 1899 verfügte Preußen, welches sich Hessen inzwischen einverleibt hatte, dass auch in Hesse die lutherischen und reformierten Gemeinden vereinigte werden sollten zu einer unierten Kirche. Die Paulskirchengemeinde hatte damals 20.000 Mitglieder.
In der Kaiserzeit erwachte das Interesse an der Paulskirche als ein nationales Denkmal. Es fanden erste Gedenkveranstaltungen in der Kirche statt. 1908 wurde im Gebäude das 11. Deutsche Turnerfest eröffnet, 1913 feierte man hier den hundersten Jahrestag der Freiheitskriege.
Während der Weimarer Republik wurde die Paulskirche zum Zankapfel beider politischen Lager. Die Linken sahen in der Kirche ein Symbol für die Demokratie, die Rechten ein Symbol für die Einheit einer deutschen Nation. Seit 1922 wurde in der Paulskirche jeden 11. August die Verfassung der Weimarer Republik gefeiert. Am 11. Oktober 1926 wurde gegen den Widerstand der eher national ausgerichteten Kirchengemeinde außen an der Kirche ein monumentales Denkmal für den am 2. März 1922 gestorbenen sozialdemokratischen Reichspräsidenten errichtet, von dem heute noch ein Engel zeugt.
1944 war die Paulskirche während mehrerer Bombenangriffe auf Frankfurt völlig zerstört worden. Doch schon 1947 begann als eines der ersten Baudenkmäler in Deutschland der Wiederaufbau, da die Paulskirche als wichtige Gedenkestätte galt. Vor allem aus Kostengründen verzichtete man auf eine aufwändige Rekonstruktion der Inneneinrichtung. Zudem wurde ein Zwischenboden eingezogen, womit sich der heutige Festsaal über dem Boden des ehemaligen Raums befindet. Außerdem erhielt die Kirche nur noch ein Flachdach.
Als der Kirchenbau an der Wende zum 19. Jahrhundert gebaut wurde, hatte sie eine Kuppel erhalten, die von einem komplizierten Dachgebälk getragen wurde. 37 Meter überspannte die Kuppel damals freischwebend über einem Tambour.
Abgesehen von der Kuppel und einer Reihe Fenster, die im Sockel eingebaut wurden, um den durch den Zwischenboden entstandenen Raum unterhalb des Festraums zu beleuchten, erscheint die Paulskirche noch weitestgehend wie ursprünglich gebaut. Die Kirche war als klassizistischer, ovaler Zentralbau errichtet, dessen Saal sogar breiter als lang war und 30 auf 40 Meter maß. Die Traufe des Zentralbaus erreichte 28 Meter. An der Südseite des Zentralbaus wurde auf quadratischem Grundriss ein dreigeschossiger Turm vorgelagert errichtet. In Nordosten und im Nordwesten schließlich errichtete man zwei Treppenhäuser, die bist zur Traufe reichen.
Im ursprünglichen Kirchensaal waren alle Plätze auf die Kanzel ausgerichtet, die im Süden vor dem Turm stand. Zusammen mit dem Altar bildete die Kanzel einen Kanzelaltar. Darüber war auf einer Empore die Orgel angebracht. Somit waren die drei wichtigen Elemente des evangelischen Gottesdienstes – Sakrament, Verkündigung und Lobpreis zusammengebracht worden. In die Kirche passten unten 500 und auf die großen Emporen noch einmal 1200 Besucher.
Bereits bei der Einweihung war die schlechte Akkustik des Baus bekannt. Die Nachhallzeit betrug fünf Sekunden und war viel zu lang. Das Problem konnte nie richtig gelöst werden, obwohl man während der Nutzung als Ort der Nationalversammlung unter den Dachstuhl eine mit Leinwand bespannte und bemalte Holzdecke eingehängt hatte.
Der heutige Festsaal ist nach dem Wiederaufbau äußert schlicht geraten. Nur die Fahnen der 16 Bundesländer sowie der Stadt Frankfurt schmücken den Raum, der über zwei Treppen aus der Wandelhalle erreicht wird. Unterhalb des Festsaals befinden sich auch Räume für eine Dauerausstellung.
Durch die Zerstörung der Altstadt im Zweiten Weltkrieg war die Paulskirchengemeinde ihres Wohnortes beraubt worden. Die Gemeinde brauchte keine große Kirche mehr. Nach dem Wiederaufbau wurde die Kirche deshalb an die Stadt abgegeben. Seit 1949 ist die Paulskirche keine Kirche mehr. Die Gemeinde wird wieder von der Alten Nikolaikirche beherbergt.
Die Paulskirche selbst war am 18. Mai 1948 wieder eröffnet worden – als „Haus aller Deutschen“. Heute dient der Bau vor allem städtischen und öffentlichen Veranstaltungen. Unter anderem wird hier der „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ verliehen. Immerhin hat die evangelische Kirche noch ein Nutzungsrecht. Außerdem hat sich die Stadt vertraglich verpflichtet, niemals das Kreuz von Turm zu nehmen.
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