Vom Umzug eines Gnadenbildes: die Wallfahrtskirche Birnau
16. Oktober 2009Die Wallfahrtskirche Birnau überrascht bei genauerem Hinsehen durch einen eher schlichten und einfachen Grundbauplan. Das Kirchenschiff ist langgezogen und ohne Seitenkapellen. Zum See hin vorgelagert steht sich ein Querriegel, der die Wohngebäude des Priorats, aber auch die Wirtschaftsbereiche enthält. Heute findet sich dort auch ein Souvenirgeschäft. Der „weltliche“ Vorbau der Kirche bildet die eigentliche Fassade des Baus. Hier ist auch der Haupteingang. Die „Fassade“ der Wallfahrtskirche wirkt dabei alles andere als mönchisch bescheiden, sondern eher wie ein Schloss. Ursprünglich hatte Thomb zum See hin sogar eine große Freitreppe geplant, die die Mönche aber dann doch verhindert haben.
Die Fassade zur Seeseite wird beherrscht von dem dreistufigen Glockenturm in der Mitte des Baus. Auch dieser Turm widerspricht den Regeln der Zisterzienser, wurde aber akzeptiert, da er ja nicht Teil der Kirche, sondern nur des Vorbaus ist. Die Fassade selbst besteht aus elf vertikalen Fensterachsen und je einem Risaliten rechts und links. Die beiden Risaliten zitieren bewusst die Architektur des ehemaligen Mutterklosters Salem. Gegliedert wird die Fassade durch drei Paare ionische Kolossalpilaster, wobei das mittlere Paar das Hauptportal umschließt. Die Farbfassung des ganzen Gebäudes – weiß und altrosa – entspricht dem Urzustand.
Durch das Hauptportal erreicht man einen Vorraum, und durch diesen den Kirchensaal. Obwohl Thomb aus Vorarlberg stammte, weicht der Kirchenraum Birnaus doch von dem Vorarlberger Schema ab, welches selbst auf die Jesuitenkirche Il Gesù in Rom zurückgeht. Beiden Konzepten gemein sind die Seitenkapellen am Hauptschiff, die im Vorarlberger Schema von einer Empore bedecke werden. Obwohl die Kapellen nicht oder nur kaum untereinander verbunden sind, entsteht so der Raumeindruck einer Emporenbasilica. Das Vorbild Il Gesù begründete einst den gegenreformatorischen Kirchenbautyp der Wandpfeilerbasilika.
Das Kirchenschiff in Birnau ist in drei Abschnitte unterteilt, die sich zum Altar hin verjüngen. Über dem Laienraum, dem breitesten Teil des Saals direkt zum Portal hin, wölbt sich ein Muldengewölbe. Dem Laienraum folgt der quadratische Chor, der von einer flachen Kuppel überwölbt ist. Schmalster Abschnitt ist die Apsis am Chorraum. Sie beschreibt einen Dreiviertel Kreis. Breite Korbbögen scheiden die Apsis vom Chorraum und jenen vom Laienraum.
Die Orgel befindet sich auf einer Empore direkt über dem Haupteingang. Die Empore selbst ist ein einfacher Laufgang mit Balustrade, der auf halber Raumhöhe von der Orgel bis in die Apsis reicht, nur unterbrochen durch je eine Seitenkapelle auf jeder Seite des Hauptschiffs. In den Seitenkapellen, die als Konchen ausgeführt sind, stehen hochaufragenden Altäre. Beleuchtet wird der Laienraum durch je zwei Fensterreihen von je fünf Fenstern auf jeder Seite. Der Chor wird duch vier Fenster auf jeder Seite beleuchtet, deren Anordnung dem Hauptschiff folgt.
Die gesamte sehr einheitliche Ausstattung der Kirche erfolgte im ornamentalen Stil des Rokoko. Der ganze Zweck des Kirchenraus bestand darin, den Besucher durch die schiere Pracht des (Stuck-)Marmors und des Dekors zu überwältigen. Damit steht Birnau in der Tradition der Baukunst der schon erwähnten Gegenreformation und folgt auch hier den Jesuiten. Die Größe Gottes war beherrschendes Thema der Ausstattung.
Ästhetisches Vorbild der Wallfahrtskirche Birnau war insgesamt die römische Barockkirche. Architektur, Stuckatur und Malerei sollten eine künstlerische Einheit bilden. In Birnau gehen alle Bereich fließend ineinander über, sodass der Betrachter nicht immer weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Nur das Deckengemälde im Chorraum ist klar von den anderen Elementen abgegrenzt. Erst die reiche, einheitliche und ineinander verlaufende Ausstattung der Kirche täuscht über den einfachen Aufbau wirklich hinweg. Dabei ist der Marmor aus Kostengründen durch Stuckmarmor ersetzt worden.
Vom Laienraum aus wirken Chor- und Altarraum – auch hier dem Vorbild Il Gesù folgend – als eine große Bühne. Dieser Eindruck ist beabsichtigt. Als Folge der Reformation begann man, die Eucharistie nicht mehr heimlich hinter Gittern oder sogar einem Lettner zu zelebrieren, sondern gleich einem Theaterstück auf eine großen Bühne zu inszinieren. In jesuitischen Kirchen fanden sogar echte Theaterstücke auf diesen Bühne statt.
Die Fresken der Kirche stammen von Gottfried Bernhard Göz (1708-60), der durch einen Wettbewerb ausgewählt worden war. Der Tradition der Zisterzienser, aber der Eigenschaft der Kirche Marienwallfahrtsstätte folgend, schuf Göz ein ausgeprochen mariologisches Bildprogramm. Es wurde rund um die wundertätige Marienfigur herumgeplant. Dominante Farbe der Malereien ist ein leuchtendes Blau, die Symbolfarbe Mariens als Himmelskönigin.
Der zweite Schwerpunkt des Bildprogramms bezieht sich auf die Bedeutung Marias der Zisterzienser, sowie der Schutzheiligen des Ordens. Auch ein großer Teil des Deckenfreskos über dem Hauptraum widmet sich den Erbauern der Kirche, die ihre Kirche als Geschenk an Maria feiern.
Das Deckenfresko der Apsis zeigt hingegen weder Ordensangehörige, noch Maria. Zu sehen ist die alttestamentarische Esther, die – letztendlich erfolgreich - beim persischen König Ahasver um Gnade für ihr Vok bittet. Darunter wird Maria gezeigt, wie sie den strafenden Jesus um Gnade für die Menschheit bittet. Somit wird Esther als Präfiguration oder auch Vorankündigung Mariens im Alten Testaments verstanden und dargestellt.
Im Chor zeigt das Deckenfresko eine illusionistische Malerei. Zu sehen ist eine Kuppel mit Loch im Scheitel, aufgemalt auf eine eigentlich flache Kuppel. Das Vorbild für dieses Fresko findet sich in der Kirche Sant’Ignazio und wurde 1685 von Andrea Pozzo geschaffen, dort jedoch, um eine misslungene Kuppel zu kaschieren. In Birnau wurde die Kuppel zur Aufnahe des Bildes extra flach gebaut.
Neben den architektonischen Illusionen sind auf dem Fresko über dem Chorraum Maria als Immaculata zu sehen, wie sie die Schlange zertritt. Maria ist schwanger mit Jesus. Ein echter Spiegel im Gemälde ist Symbol für die Jungfräulichkeit der zukünftigen Gottesmutter. Neben der Jungfrau sind noch Allegorien der Caritas (Nächstenliebe) und Delicto (Gottesliebe) zu sehen.
Das Deckenfresko des Langhauses ist ebenfalls illusionistisch angelegt. Hier wird die Architektur der Wände in den „Himmel“ hinaus verlängert. Über dem Hauptportal der Kirche wird im Fresko ein Engelskonzert gezeigt. In Richtung des Altars befindet sich Maria in der gleichen Haltung wie das Gnadenbild sie zeigt.
Rund um die Basis des Deckenfreskos ist ein illusionistisches Kransgesims gemalt, welches von allerlei Figuren bevölkert wird. Als einzige Referenz an die Pilger ist auch eine Gruppe Bettler zu sehen, von denen einer ein Schienbein mit Verband zeigt. Hier hat sich der Künstler Göz selbst dargestellt, der während der Arbeiten an den Fresken von einem Gerüst gestürzt war. Die Maria des Freskos wendet sich jedoch nicht den Pilgern zu, sondern den Stiftern des Landes, auf dem das Kloster Salem einst erbaut wurde, sowie Bernhard von Clairveaux und einigen Äbten des Klosters.
Über insgesamt sieben Altäre verfügt der Kirchenraum. Die Zahl spielt auf die sieben Altäre des Petersdoms in Rom ab, an denen der Pilger gebetet haben musste, um Absolution zu erhalten. Die Altäre in Birnau sind durchgehend ein Werk des berühmten Joseph Anton Feuchtmayer (1696-1770) und seiner Werkstatt, die auch alle Stukkaturen und Skulpturen geschaffen hat.
Ein Teil der Altäre, besonders die zum Portal hin, sind verschiedenen Schutzheiligen geweiht, an die sich die Pilger mit ihren Sorgen und Nöten wenden könnten. Es gibt Schutzpatrone gegen diverse Krankheiten und Schutzpatrone für diverse Gewerke.
Die Altäre nahe zum Chor sind Bernhard von Clairveaux, dem Spiritus rector des Zisterzienser-Ordens, und Benedikt von Nursia, aus dessen Benediktinern sich die Zisterzienser einst als Reformorden ausgegründet hatten, geweiht.
Im Chor befinden sich zwei Altäre, die Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten gewidmet sind. In der Chorapsis steht passgenau der von Feuchtmayer gestaltete Hochalter mit prächtigem Baldachin. Im Zentrum des Hochaltars befindet sich die Gnadenfigur. Je zwei Paare Skulpturen begleiten Maria: Joachim und Anna, die Eltern Mariens, und Zacharias und Elisabeth, die Eltern Johannes des Täufers. Gemeinsam mit den beiden Johannes fand der Pilger die Heilige Sippe vor, die ihm ein vertrautes Bild bieten sollte.
Das Gnadenbild selbst ist eine cirka 80 Zentimeter hohe hölzerner Skulptur aus der Zeit um 1420 und wurde im Salzkammergut angefertigt. Es handelt sich um eine spätgotische Sitzmadonna. Das Jesuskind auf ihrem Schoß hält ein Kruzifix in der Hand. Die Madonna hat einen Fuß auf einer Mondsichel und war wohl einmal eine Strahlenkranz-Madonna. Das Gnadenbild soll so manches Wunder gewirkt haben und war hauptsächliches Ziel der Wallfahrer.
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