Geschichtete Geschichte: San Clemente in Rom
9. Dezember 2009Vielen Rom-Besuchern fällt auf, dass gerade die Besichtigung der ältesten Kirchen der Stadt oft des Treppensteigens in die Tiefe bedarf. Das hat seine Ursache darin, dass sich zwar der Boden der Kirchen aus dem 5. oder sogar 4. Jahrhundert nach Christus nicht verändert hat, die umgebenden, jüngeren Bauten aber oft auf dem Schutt älterer Bauwerke errichtet wurden. So stieg in einige Gegenden Roms das Straßenniveau im Laufe der Jahrhunderte um mehrere Meter. Auch zur Kirche San Clemente, die vollständig „San Clemente in Laterano“ heißt, muss man ein paar Schritte hinabsteigen. Dabei stammt die heute sichtbare Kirche noch nicht mal aus der Spätantike, sondern erst aus dem 12. Jahrhundert. Doch unter San Clemente – die Kirche ist dem Papst Clemens IV. (um 50 bis 97 oder 101 nach Christus) geweiht - finden sich in mehreren Schichten die Spuren nicht nur einer älteren Kirche, sondern auch noch weitere unerwartete Bauwerke.
Die ältesten Spuren der an einem alten Pilgerweg zum Lateran gelegenen Kirche stammen aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Nach dem großen Stadtbrand im Jahre 69, indem das ganze Viertel vollständig verwüstet wurde, errichtete man auf den Trümmern an dieser Stelle zwei Bauten. Das größere Gebäude mit einer Grundfläche von rund 29 mal 60 Metern bestand aus deinem Hof und vielen tonnengewölbten Kammern aus Tuffstein, die zum Hof hin geöffnet waren. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei dem größeren Gebäude um eine sogenannte „Moneta“, also eine Münzprägestätte handelte.
Westlich des größeren Gebäudes stand – nur durch eine schmale Gasse von der mutmaßlichen Münze getrennt – ein mehrgeschossige Gebäude aus Ziegelsteinen, dessen Räume gleichfalls um einen kleinen Hof gruppiert waren. Zur Nutzung des kleineren Gebäudes gibt es zwei Theorien. Die eine besagt, dass die in den Resten dieses Gebäudes gefundenen aufwändigen Mosaikfußböden und die Stuckarbeiten an der gewölbten Decke nur auf ein herrschaftliches Wohnhaus hindeuten können. Zugeordnet wird das Haus dem Konsul Titus Flavius Clemens, der in der Gegend gewohnt haben könnte. Um besagten Titus rankt sich dann auch die Legende, dass dieses mögliche Mitglied der kaiserlichen Familie zum Christentum übergetreten war und deshalb den Märtyrertod sterben musste. Der besagte Papst, dem die Kirche geweiht ist, soll dieser Legende zufolge ein freigelassener Sklave aus dem Haushalt des Konsuls gewesen sein. Es war damals üblich, dass Freigelassene den Namen ihrer ehemaligen Herren trugen. Die so zu erklärende Herkunft des frühen Papstes würde auch die Weihe erklären. Eine zweite Theorie sieht in dem Gebäude einen Nebenbau zur Münzstätte.
Die zweite Theorie wird durch einen Umstand gestützt, der in einem späteren Einbau im Hof des kleinen Gebäudes zu suchen ist. Um 200 wurde in den Hof ein sogenanntes Mithräum eingebaut, welches auch durch ein Tonnengewölbe überdacht wurde. Ein Mithräum diente dem Mithras-Kult, einem in Rom zu der Zeit weit verbreiteten Mysterien-Kult, der seinen Ursprung im syrischen Raum hat und wahrscheinlich von Soldaten nach Rom gebracht wurde. Mithräen wurden oft in öffentlichen Gebäuden eingerichtet, der Benutzer dem Kult offen gegenüber standen.
Die Frage, ob es sich bei dem kleinen Gebäude um ein privates oder öffentliches Gebäude handelt, ist für den Ursprung der Kirche San Clemente nicht unwichtig. In einem öffentlichen Gebäude hätte eine Kirche vor Kaiser Konstantin, also vor 330 n.Chr. Nicht eingerichtet werden können.
In der Spätantike war es auch nicht unüblich, dass Kirchen in Privathäusern gegründet, später nach ihrem Gründer benannt und noch später – oft aus Unkenntnis über die wahre Geschichte - mit einer passenden Heiligen-Legende versehen wurden. Ein Beispiel ist Santa Sabina, ebenfalls in Rom befindlich. Und für das 4. Jahrhundert ist auch tatsächlich ein „Titulus Clementis“, also die Benennung einer Kirche nach einem Clemens belegt. Ob es sich dabei aber um den Gründer handelt, oder die Kirche von Beginn an dem Papst geweiht war, ist heute nicht mehr zu klären.
Das Mithräum hingegen dürfte bis 391 n.Chr. genutzt worden sein. In diesem Jahr wurden die heidnischen Religionen verboten und das Christentum zu alleinige Religion erhoben. Bis dahin existierten auch in Rom und wie während der ganzen Antike die unterschiedlichsten Religionen bisweilen auf engsten Raum miteinander.
Die Moneta hingegen wurde vermutlich schon um 250 aufgegeben. Der Innenhof und die Kammern wurden mit Erde und Schutt verfüllt und auf dem so geschaffenen Fundament eine Hall von 35 mal 29 Metern errichtet, der Funktion noch ungeklärt ist.
In der Amtszeit des Papstes Siricius (Papst von 384-399) wurde um das Jahr 384 schließlich die kleine Halle zu einer Kirche umgebaut, die bereits sicher Papst Clemens I. Geweiht war. Dabei wurden die Räume über den Kammern zu den beiden Seitenschiffen verbunden und der Raum über dem ehemaligen Hof zum Mittelschiff bestimmt und überdacht. Zwei Reihen von jeweils acht Säulen trennten die Schiffe voneinander.
Nach 384 durchbrach man auch die westliche Wand zu dem kleinen Nachbargebäude und errichtet dort auf gleicher Höhe mit der Kirche, also im ersten Stock, die Apsis der angrenzenden Kirche. Dabei lag die Apsis teilweise über dem Mithräum. Im Osten wurde der ganzen Kirche ein Atrium vorgesetzt, aus dem durch fünf Arkaden der Zugang zur Kirche möglich war.
Unter Papst Johannes II. (Papst von 533-535) wurde dann die Ausstattung der Kirche erneuert. Schon als Presbyter hatte Johannes der Kirche ein Ziborium (Altarüberbau) aus Carrara-Marmor gestiftet, sowie einen Altar. Teile dieser Stiftung sind bis heute in der Kirche erhalten und wurden in das Grabmal des Antonio Venier eingebaut. Als Papst stiftete Johannes dann Altarschranken aus prokonnesischem Marmor, die er mit seinem Monogramm versehen ließ. Der Marmor stammt von der türkischen Insel Marmara und zeigt den hohen Wert der Stiftung. Die Altarschranken wurden vermutlich in der selben Werkstatt gefertigt, wie einige Elemente in der Hagia Sophia im heutigen Istanbul. Auch das unterstreicht die Bedeutung der Stiftung. Auch die Altarschranken wurden in der heutigen Kirche wiederverwendet.
Im Jahre 1084 wurde Rom von den Normannen unter Robert Guiscard geplündert und dabei auch die über 500 Jahre alte Kirche schwer beschädigt. Um die Kirche zu stabilisieren wurden die Bereiche zwischen den Säulen vermauert. Doch diese Maßnahmen hielten nicht lange. Unter Papst Paschalis II. (Papst von 1099-1118), der an St. Clemente schon Kardinalpriester gewesen war, wurde die Ruine der frühmittelalterlichen Kirche verfüllt. Von 1108 bis 1128 wurde auf den so entstandenen neuen Fundamenten die heutige Kirche errichtet, die vom Grundriss etwas kleiner als der älter Bau ist.
Die heutige Kirche liegt somit cirka 20 Meter über dem Niveau der Römerzeit. Ab 1430 wurde dem Neubau noch die Capella di Santa Caterina hinzugefügt. In ihr finden sich die Fresken von Masolino da Panicale (ca. 1383/84-1440), nacheinander Lehrer und Schüler des genialen Masaccio (1401-1428). Der Freskenzyklus zeigt das Martyrium der hl. Katarina von Alexandrien und ist eines, wenn nicht das erste Kunstwerk der Renaissance in Rom.
1645 übertrug Kardinal Camilio Pamphilij die Kirche den Dominikanern, 1655 sogar an irische Dominikaner, die im Laufe des englischen Bürgerkrieges aus Irland fliehen mussten. Von 1715 bis 1719 wurde die Kirche schließlich nach Plänen von Carlo Stefano Fontano (1638-1714) im Stil des Barock umgestaltet. Pater Joseph Mallooly begann 1835 mit systematischen Ausgrabungen unterhalb der Kirche. Dabei wurden bereits große Teile der Vorgängerbauten entdeckt.
Trotz der barocken Umbauten ist das Äußere der Kirche auch heute noch sehr schlicht und besteht im wesentlichen aus Sichtziegelwerk aus flachen Ziegeln. Der Eingang zur Piazza San Clemente hat einen Portikus aus dem 12. Jahrhundert, der mit vier antiken Säulen besetzt ist. Die Kirche verfügt heute noch über einen Atrium, welches gemeinsam mit der Kirche im 12. Jahrhundert entstand. Eigentlich ist ein Atrium eine frühchristliche Bauform und jenes von St. Clemente ist eines der letzten, welches in Rom erbaut wurde. Die barocke Fassade der Kirche wurde nach Plänen Fontans der Kirche ab 1715 vorgesetzt. Der Glockenturm stammt aus den Jahren um 1600.
Die Kirche des 12. Jahrhunderts, auch Oberkirche genannt, folgt dem Schema Tor > Vorhof mit Reinigungsbrunnen > Gemeinderaum > Sängerchor > Hochaltar > Apsis. Der Fußboden des Inneren ist eine frühes Werk der Kosmatenkunst aus dem 12. Jahrhundert, welche für mosaikartige Fußböden bekannt ist, deren zentrale Elemente aus in Scheiben geschnittenen antiken Säulen sind.
Das Langhaus zeigt im Prinzip eine gleichmäßige Anordnung von Säulen zwischen den Schiffen, die jedoch auf halber Strecke von je einem mauerartigen Pfeiler auf jeder Seite unterbrochen wird. Dieser Stützenwechsel deutet auf die Einflüsse von Kirchenbaukunst aus dem nordalpinen Europa hin.
In der Mitte des Hauptschiffes befindet sich die Schola Cantorum, also der Bereich, der den Priestern vorbehalten ist. Die Schola ist teilweise von der marmornen Altarschranke des 6. Jahrhunderts umgeben. Aus der gleichen Zeit stammen übrigens auch der Bischofsthron in der zentralen Apsis sowie der Ambo (Lesepult). Der große Osterleuchter hingegen entstammt wieder der Kosmatenwerkstatt und der Zeit Papst Paschalis II.
Sehr bedeutend ist das Mosaik in der Apsis. Es zeigt den „Triumph des Kreuzes“ und wurde detailreich und farbenfroh im 12. Jahrhundert angefertigt. In seltener ikonografischer Darstellung ist ein symbolischer Lebensbaum mit Kreuz zu sehen. Darauf sitzen 12 Tauben, die wie die zwölf Schafe unterhalb des Kreuzes die Apostel symbolisieren. An der Westwand und den Seitenwänden finden sich Fresken aus dem 14. Jahrhundert, welche die Legende des heiligen Clemens zeigen und von Guiseppe Bartolomeo Chiari stammen. Die vergoldete Holzdecke entstammt einem Entwurf des barocken Umbauers Fontana.
Links des Haupteinganges befindet sich die Katharinen-Kapelle und in ihr die schon erwähnten und vor 1431 entstandenen Fresken des Masolino. Der Renaissance-Maler war übrigens einer der ersten Künstler, die nach Rom kamen, nachdem die Päpste aus dem Exil in Avignon zurückgekehrt waren. In einer Darstellung aus dem Leben des hl. Ambrosius findet sich die älteste Darstellung einer Zentralperspektive in Rom. Ein Wegbereiter der Zentralperspektive war der Masolino-Schüler und Lehrer Masaccio.
Im nördlichen Seitenschiff befindet sich heute der Abgang zur Unterkirche, also der ausgegrabenen Kirche des 6. Jahrhunderts. Die Stützen, die sich dort im Mittelschiff befinden, wurden nachträglich eingefügt, um die Oberkirche zu tragen.
Größter Schatz der Unterkirche sind ihre Wandmalereien, deren älteste aus dem 8. Jahrhundert stammen. Eine Besonderheit ist dabei der rechteckige Nimbus (Heiligenschein) einer Figur in einer Darstellung der Himmelfahrt Christi. Der rechteckige Nimbus zeigt, dass der Auftraggeber des Gemäldes, Papst Leo IV. (Papst von 847-855), zur Zeit der Ausführung noch lebte.
Eine weitere Besonderheit ist ein spätes Gemälde aus dem 11. Jahrhundert, welches den hl. Clemens zeigt, wie der Präfekten Sisinnius geblendet von Gott, anstatt des Heiligen eine Säule fesseln ließ. Auf dem Gemälde finden sich auch die Wort: „Fili de la pute, traite.“. Das bedeutet „Zieht, ihr Hurensöhne“ und ist eines der ältesten Beispiele für das Vulgärlatein, aus dem sich das moderne Italienisch entwickelte.
Im rechten Seitenschiff der Unterkirche steht ein antiker Sarkophag aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Er diente später als christliche Grabstätte. Auf dem Sarkophag ist die Geschichte von Phaedra und Hypolytes als Relief dargestellt. Links neben dem Sarkophag findet sich die älteste Wandmalerei von St. Clemente, eine Madonna aus dem 8. Jahrhundert.
Am Ende des linken Seitenschiffs befindet sich der Ort, an dem der hl. Kyrill sein Grab gefunden haben soll. Die Legende besagt, dass die Slawenaposten Kyrill und Method im 9. Jahrhundert auf der Krim die sterblichen Überreste von Clemens I. Gefunden und 867 nach Rom gebracht haben sollen. 869 soll Kyrill auch in Rom gestorben sein. Die orthodoxe Kirche hat im 20. Jahrhundert die Grabstätte Kyrills, nachdem auch des kyrillische Alphabet benannt ist, umfassend neu gestaltet. Neben der Gedenkstätte führt auch eine Treppe in die untersten Stockwerke.
Dort wird über einige Vorräume das Mithras-Heiligtum erreicht. Das Heiligtum liegt heute außerhalb der Kirche. Es handelt sich um einen langgestreckten, tonnengewölbten Raum mit Sitzbänken an den Seiten. An der Westwand steht der Altar, der als Relief Mithras zeigt, wie er mit wehendem Mantel den Stier tötet.
Durch moderne Öffnungen kann man die Räume des eventuellen Hauses des Titus Flavius Clemens betreten. Am Ende der Fluchten findet sich eine kleine Katakombe mit 16 Gräbern aus dem 5. Jahrhundert. Die Katakombe war möglich geworden, nachdem nach der Plünderung Roms durch den Goten Alarich im Jahre 410 das Verbot von Bestattungen innerhalb des Stadtgebietes aufgehoben wurde.
Letzte und unterste Schicht in San Clemente ist ein hör- aber auch sichtbarer Wasserlauf, der vielleicht einmal den See des Nero speiste, der einst dort lag, wo sich heute das Kolosseum erhebt. Selten erlebt man so wie in Rom, wie sich die einzelnen Schichten von 2000 Jahren Menschheitsgeschichte heute noch sicht- und erlebbar berühren können.
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