Denkmal eines überzeugten „Ikonoklasten“: Mosaik der Bundeslade in Germigny-des-Prés

Das Mosaik in der kleinen Kirche in Germigny-des-Prés an der Loire unweit der Stadt Orleans birgt einen großen Schatz: Das mutmaßlich einzige erhaltene karolingische Mosaik. Die zeitliche Zuschreibung ist deshalb so einfach, da sich die Jahreszahl 806 in einer Inschrift des Mosaiks findet. Dort findet sich auch der Name des Stifters: Theodulf, Bischof von Orleans. Theodulf war ein Freund und Berater Karls des Großen und einer der führenden Intellektuellen seiner Zeit. Die Kirche in Germigny-des-Prés war die Kapelle seiner Villa. Die Villa wiederum war auch Abtsitz, denn Theodulf war gleichzeitig Abt des nahen Klosters von Fleury (heute Saint-Benoît-sur-Loire).

Die Kapelle war also ursprünglich nicht vielmehr als eine private Andachtsstätte eines hohen Geistlichen. Als solche war sie reich mit Mosaiken ausgestattet, von denen das hier zu besprechende das einzige ist, welches die letzten 1200 Jahre überdauert hat.

Immerhin handelt es sich um das bedeutendste Mosaik, nämlich um jenes in der Hauptapsis der Kapelle im Osten. 130.000 kleine Glassteine in den Farben Grün, Rot, Blau, Weiß, Schwarz, Grau, Golden und Silber bedecken rund neun Quadratmeter Fläche. Tatsächlich ist Gold die beherrschende Farbe, denn die dargestellte Szene erstreckt sich vor einem goldenen Hintergrund. Ausführender Künstler dürfte ein Italiener gewesen sein, da in Italien die Mosaikkunst unter byzantinischem Einfluss weit verbreitet war.

Einen Hinweis auf das Thema des Bildes gibt bereits die Inschrift. Auf Deutsch lautet sie:
„Schaue und betrachte das heilige Orakel und die Cherubim und das Leuchten der Lade („Kasten“) des göttlichen Bundes. Bei dieser Betrachtung bemühe Dich, den Herrn des Donners zu rühren, und bedenke Theodulf in deinen Gebeten.“ Zu sehen sind also zwei bzw. vier Engel, die mit den Fingern auf die Bundeslade verweisen. Zwischen den Engel weist eine Hand, die aus einem bestirnten Himmel herabsteigt, auf die Lade. Dieses Motiv ist für eine kirchliche Apsis einzigartig. Üblicherweise finden sich an dieser Stelle Christus, oft begleitet durch die Evangelisten, oder die Jungfrau Maria.

Ein möglicher Schlüssel für das Verständnis des Kunstwerkes liegt im libri carolini, einer Denkschrift, deren wesentlicher Autor Theodulf gewesen sein könnte. 787 hatte Papst Hadrian I. Karl dem Großen das Protokoll der Synode von Nicäa übersandt. Die Synode hatte beschlossen, die „Verehrung“ von Bildern wieder zur erlauben. Aufgrund ungenauer Formulierungen, mussten Karl der Große und seine Berater aber davon ausgehen, dass die Erlaubnis die „Anbetung“ betraf. Die Reaktion war eine Gegenschrift, eben der libri carolini, in der die Beschlüsse der Synode als ketzerisch bezeichnet wurden, da sie die Götzenanbetung erlaubten. Das Mosaik spiegelt also die theologische Auffassung Theodulfs in der Bilderverehrung wieder, da er keine Menschen, nicht einmal den Christus abbilden ließ, sondern die Bundeslade.

Die Bundeslade wird in der Bibel (2. Buch Mose/Exodus 25,10-20) ziemlich genau beschrieben. Darin ist von einer Akazienholzkiste die Rede, die Moses anfertigen ließ, um die am Horebberg Mose übergebenden Gesetzestafeln (12 Gebote) aufzunehmen. Die Lade war dabei eine Tragbahre auf der zwei Cherubim bzw. Engel angebracht worden sein sollen, die die Kiste mit ihren Flügeln überschirmten. Auf ihrem Weg durch die Wüste soll das Volk Israel die Lade vor sich hergetragen haben. Auch bei der Durchquerung des Jordans und bei der Eroberung Jerichos (beides Buch Josua) soll die Bundeslade dabei gewesen sein. Der Begriff „Bundes“-Lade verweist auf den Bund, den Gott am Sinai mit Mose und dem Volk Israel eingegangen ist.

Die beiden großen Engel des Mosaiks entsprechen den Engeln, die Salomo in seinem Tempel über der Bundeslade anbringen ließ. Im Tempel stand die Bundeslade im Allerheiligsten. Man glaubte, dass die Lade der Schemel der Füße Gottes sei, also der Ort, an dem Gott die Erde berührte. Die beiden großen Engel sind dabei in der byzantinischen Mode der Entstehungszeit gekleidet. Sie könnten das alte und das neue Gottesvolk symbolisieren. Dabei hat der linke Engel angedeutet ein Kreuz in seinem Heiligenschein und verweist so auf die Christenheit und den Neuen Bund in Jesus Christus. Der rechte Engel lässt kein Kreuz erkennen, steht also für das Volk Israel und den Alten Bund. Zugleich sind beide Engel auch Symbole für Altes und Neues Testament. Dass sich ihre Flügel berühren wäre ein Hinweis auf die Gültigkeit beider Teile der Bibel.

Es ist mit Sicherheit schwierig, alle Symbole auf dem Mosaik endgültig zu entschlüsseln. Sicher ist aber auch, dass im ganzen Mittelalter die Kunstwerke voller Symbolik und Anspielungen waren. Hier folgt nun ein kurzer Überblick über weitere Deutungsmöglichkeiten:

So könnte der goldene Grund die irdische Welt und den Tag, der Sternenhimmel aber die himmlische Welt und die Nacht symbolisieren.

Der Regenbogen, aus dem die Hand erscheint, könnte eine Anspielung auf den Noah-Bund sein. Das Buch Genesis (1. Buch Mose) erzählt, dass Gott zum Zeichen seines Bundes nach der Sintflut einen Regenbogen an den Himmel setzte.

Die zwölf Sterne versinnbildlichen möglicherweise die zwölf Apostel. Die acht Arme der Sterne wiederum könnten (Windrose!) auf die ganze Welt verweisen, in die die Apostel hineinwirkten.

Der Streifen unterhalb der Lade könnte der Jordan sein. Die zwölf weißen Buckel (vier mal drei) symbolisierten dann die zwölf Steine aus dem Jordan, die die Israeliten als Denkmal für die wundersame Überquerung des Jordans auf dem trockenen Flussgrund aufgerichtet haben sollen (Josua 17,4.1-19). Den zwölf Steinen im Fluss entsprächen die zwölf Steine, die aus dem Fluss an Land gebracht worden sind und im Mosaik als zwölf weitere Buckelchen sichtbar sind, die in den Sternenhimmel ragen. Die zwölf Steine an Land könnten dabei wieder auf die Apostel, die zwölf Steine im Fluss auf die Patriarchen und Propheten des Alten Testaments verweisen.

Eine ähnliche Darstellung der Bundeslade, die durch den Jordan getragen wird, findet sich auf einem Mosaik aus dem 3. Jahrhundert, welches sich noch heute in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom befindet.

Die Hand, die auf dem Bildwerk aus dem Himmel steigt, zeigt deutlich sichtbar einen „Fleck“, welches als Wundmal Christi gedeutet werden könnte. Als „Wort Gottes“ (Johannes 1) verbindet Jesus Christus alle Menschen.

Das Mosaik in Germigny-des-Prés ist das Werk eines überzeugten „Ikonoklasten“, also eines Gegners der Anbetung von Bildern, der sich durch das zweite Gebot bestätigt sah, das da heißt: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

Es ist ein großes Wunder, dass das Mosaik – wie alle alten Kunstwerke – bis heute überdauert hat. Die Kapelle wurde im 9. Jahrhundert in Brand gesteckt. Im 16. Jahrhundert überzogen Religionskriege das Land. Schon bald wurde die Kirche aufgegeben. Erst gegen 1820 entdeckte man das Mosaik unter einer dicken Schicht Tünche. 1840 wurde festgestellt, dass das Mosaik sich quasi nur noch selber trug, da das Gewände der Kuppel durch Wasser ausgehöhlt war. Ab 1843 wurde das Mosaik schließlich durch die Sanierung des Gebäudes gerettet.

 

Eine Antwort auf Denkmal eines überzeugten „Ikonoklasten“: Mosaik der Bundeslade in Germigny-des-Prés

  1. Twinkle sagt:

    Gerade die Inschrift mit dem „Herrn des Donners“ scheint mir doch auf Offenbarung 11,19 und 12 hinzuweisen.

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